Konjunkturentwicklung aus finanzpolitischer Sicht

Aufgrund der vorliegenden Wirtschaftsdaten für Deutschland vermutet das BMF für das zweite 2. Quartal ein etwas niedrigeres Bruttoinlandsprodukt als im vorangegangenen Vierteljahr. Das gesamte Indikatorbild deute aber auf eine moderate Entwicklung im weiteren Jahresverlauf hin mit jedoch einer im Jahresverlauf insgesamt schwächeren Exportdynamik. Der Monatsbericht des BMF vom Juli 2012 gibt einen Überblick.

 

BMF, Mitteilung (aus dem Monatsbericht Juli 2012) vom 20.07.2012

 

 
  • Die industrielle Aktivität hat sich im Mai wieder etwas belebt. Insgesamt ist jedoch im weiteren Jahresverlauf mit einer etwas ruhigeren Gangart in der Industrie zu rechnen.
  • Mit dem jüngsten Anstieg der nominalen Warenexporte setzte sich der Aufwärtstrend fort.
  • Die gute Verbraucherstimmung sowie der bis zuletzt anhaltende Beschäftigungsaufbau sprechen für positive Wachstumsimpulse des privaten Konsums im 2. Quartal.
  • Die Beruhigung des Preisklimas setzte sich fort. Die Inflationsrate verringerte sich im Juni weiter.

 

Die vorliegenden Wirtschaftsdaten sprechen dafür, dass die Zunahme des Bruttoinlandsprodukts im 2. Quartal in der Verlaufsbetrachtung etwas niedriger ausgefallen sein dürfte als im vorangegangenen Vierteljahr. Darauf deutet insbesondere die Industrieproduktion hin, die sich nach einer Erholung zum Ende des 1. Quartals im Durchschnitt der Monate April und Mai abgeschwächt hat. Auch die Verschlechterung der Einschätzungen zur Geschäftslage der vom ifo Institut befragten Unternehmen lässt eine Verringerung der konjunkturellen Dynamik im 2. Vierteljahr erkennen. Dies wird auch von den in die Zukunft weisenden Stimmungsindikatoren wie den ifo Geschäftserwartungen und den ZEW-Konjunkturerwartungen angezeigt. Diese Indikatoren sind derzeit wohl in starkem Maße von den Unsicherheiten hinsichtlich der Bewältigung der Schuldenkrise im Euroraum geprägt; dies erschwert eine verlässliche Einschätzung der konjunkturellen Grunddynamik in der deutschen Volkswirtschaft. Das gesamte Indikatorbild deutet aber auf eine moderate Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts im weiteren Jahresverlauf hin. Ein wichtiger Grund hierfür ist – auf der außenwirtschaftlichen Seite – die Abschwächung der wirtschaftlichen Aktivität in einigen wichtigen Handelspartnerländern des Euroraums. Dagegen wirkt die binnenwirtschaftliche Entwicklung in Deutschland stabilisierend. Sie ist die wichtigste Stütze des Wirtschaftswachstums in Deutschland.

 

Mit dem kräftigen Anstieg der nominalen Warenexporte im Mai um saisonbereinigt 3,9 % konnte der Rückgang im Vormonat mehr als ausgeglichen werden. Damit hat sich der Aufwärtstrend der nominalen Warenausfuhren im 2. Quartal fortgesetzt (Zweimonatsvergleich: saisonbereinigt +0,6 %). Nach Ursprungswerten lag das nominale Ausfuhrergebnis für den Zeitraum Januar bis Mai über dem entsprechenden Vorjahresniveau. Dabei wurden sowohl Ausfuhren in Drittländer (+9,4 %) als auch in den Nicht-Euroraum der Europäischen Union (+3,7 %) deutlich ausgeweitet. Die Exporte in den Euroraum wurden hingegen leicht eingeschränkt (-0,6 %). Dies deutet auf die Abschwächung der gesamtwirtschaftlichen Aktivität in diesen Ländern hin, die bereits die deutsche Ausfuhrtätigkeit belastet.

 

Im weiteren Jahresverlauf dürfte insgesamt mit einer schwächeren Exportdynamik in Deutschland zu rechnen sein. Dies spiegelt sich unter anderem in dem jüngsten leichten Rückgang des OECD Leading Indicator, des Welthandelsindikators des niederländischen CPB, des globalen Einkaufsmanagerindex und der ifo Exporterwartungen wider. Der deutliche Anstieg des ausländischen Bestellvolumens im Mai spricht hingegen dafür, dass in den kommenden Monaten noch positive Impulse von der Ausfuhrtätigkeit ausgehen dürften.

 

Auch die nominalen Warenimporte nahmen im Mai kräftig zu (saisonbereinigt +6,3 % gegenüber dem Vormonat). Im Zweimonatsvergleich sind die Wareneinfuhren aufgrund des Rückgangs im Vormonat jedoch abwärtsgerichtet. Währenddessen zeigt sich im Dreimonatsvergleich noch eine Aufwärtstendenz. Im Vorjahresvergleich wurden die Einfuhren im Zeitraum Januar bis Mai insgesamt um 2,6 % ausgeweitet. Dabei fiel die Steigerung der Importe aus dem Nicht-Euroraum der Europäischen Union (+3,7 %) etwas höher aus als die aus anderen Regionen (Euroraum: +2,4 %, Drittländer: +2,2 %).

 

Nach dem aufgrund der diesjährigen Feiertagskonstellationen ungünstigen Start der Industrie in das 2. Quartal belebte sich die industrielle Aktivität im Mai wieder etwas. Der Rückgang im April kann damit jedoch noch nicht vollständig kompensiert werden. Insgesamt stieg die Erzeugung im Verarbeitenden Gewerbe im Mai um saisonbereinigt 1,8 % gegenüber dem Vormonat an. Dabei wurde vor allem die Produktion von Konsumgütern kräftig gesteigert. Aber auch die Produktion von Vorleistungs- und Investitionsgütern wurde ausweitet. Im Zweimonatsvergleich ist die Industrieproduktion aufgrund des spürbaren Rückgangs im Vormonat dennoch leicht abwärtsgerichtet. Auch die industrielle Umsatzentwicklung ist im Zweimonatsdurchschnitt der Tendenz nach leicht rückläufig, was sowohl auf verringerte Auslands- als auch Inlandsumsätze zurückzuführen ist.

 

Die Auftragseingänge zogen im Mai wieder etwas an. Dabei entstand die Zunahme des industriellen Auftragsvolumens ausschließlich aus einem Anstieg der Bestellungen aus dem Euroraum. Dieser ist jedoch zu einem großen Teil auf Großaufträge im Bereich Sonstiger Fahrzeugbau zurückzuführen und sollte daher nicht überinterpretiert werden. Die Inlandsnachfrage nach Industriegütern ging dagegen merklich zurück. Auch das Volumen der Großaufträge fiel im Mai leicht unterdurchschnittlich aus. Im Zweimonatsvergleich ist der industrielle Auftragseingang weiterhin leicht aufwärtsgerichtet (saisonbereinigt +0,4 %), wobei der Anstieg der Bestellungen aus dem Inland etwas höher ausfällt als der aus dem Ausland.

 

Insgesamt zeichnet sich mit der aktuellen Auftragslage derzeit noch eine günstige Entwicklung der Industrieproduktion ab. Im weiteren Verlauf dürfte jedoch mit einer etwas ruhigeren Gangart in der Industrie zu rechnen sein als noch zu Jahresbeginn. Darauf deuten auch der fünfte Rückgang des Einkaufsmanagerindex sowie die ungünstigeren Geschäftserwartungen der Unternehmen im Verarbeitenden Gewerbe (ifo Umfrage) hin.

 

Die Produktion im Bauhauptgewerbe stieg im Mai gegenüber dem Vormonat kräftig an (saisonbereinigt +3,1 %). Im aussagekräftigeren Zweimonatsvergleich ist die Bauproduktion somit klar aufwärtsgerichtet. Auch die Stimmung im Bauhauptgewerbe hat sich laut ifo Umfrage im Juni leicht verbessert. Dabei stand eine unveränderte Lagebeurteilung einer zuversichtlicheren Bewertung der Geschäftsperspektiven gegenüber. Angesichts der positiven Entwicklung der Baugenehmigungen sowie der insgesamt noch guten Auftragslage im Bauhauptgewerbe sind die Aussichten für diesen Wirtschaftsbereich im 2. Quartal günstig.

 

Von den Konsumausgaben der privaten Haushalte dürften auch im 2. Quartal Wachstumsimpulse für die deutsche Wirtschaft ausgegangen sein. So sind die saisonbereinigten Einzelhandelsumsätze im Zweimonatsdurchschnitt leicht angestiegen. Auch die Stimmung der Verbraucher erwies sich gemessen am GfK-Konsumklima – trotz rückläufiger Konjunkturerwartungen – insgesamt bisher als stabil. Zuletzt erwarteten mehr Konsumenten als zuvor per saldo eine Verbesserung ihrer finanziellen Lage und gaben vermehrt an, größere Anschaffungen tätigen zu wollen. Dies deutet darauf hin, dass die Verbraucher die Erwartungen hinsichtlich des weiteren Konjunkturverlaufs offenbar bisher nicht auf ihre persönliche Situation beziehen. Hierbei dürften der bis zuletzt anhaltende Beschäftigungsaufbau mit den damit einhergehenden Einkommensverbesserungen sowie die in diesem Jahr bereit erfolgten Tariflohnabschlüsse eine wichtige Rolle gespielt haben. Hiervon dürfte auch die Anschaffungsneigung beflügelt worden sein. Hinzu kommt, dass es für die Verbraucher aufgrund der anhaltenden Unsicherheit auf den Finanzmärkten und den historisch niedrigen Zinsen nicht besonders attraktiv ist, Geld anzulegen. Dies spiegelt sich auch in einer stark unterdurchschnittlichen Sparneigung wider. Insgesamt deutet die Verbraucherstimmung damit auf eine weiterhin positive Entwicklung des privaten Konsums hin, die voraussichtlich auch im weiteren Jahresverlauf von der günstigen Arbeitsmarktsituation gefördert wird.

 

Dies steht nicht im Widerspruch zur Entwicklung der saisonbereinigten Arbeitslosenzahl, die im Juni gegenüber dem Vormonat zum dritten Mal in Folge leicht anstieg. Hier schlug vor allem die Zunahme des Arbeitskräfteangebots zu Buche, die sich aus einer Ausweitung des Wanderungssaldos gegenüber dem Ausland sowie einer gestiegenen Erwerbsneigung ergibt. Darüber hinaus spielt auch die Zurückführung der arbeitsmarktpolitischen Instrumente eine Rolle.

 

Die Arbeitsmarktentwicklung stellte sich zuletzt nach Regionen deutlich differenziert dar. Während die Arbeitslosenzahl in Westdeutschland um 9.000 Personen gegenüber dem Vormonat anstieg, ging sie in Ostdeutschland weiter zurück (-2.000 Personen). Die Zahl registrierter Arbeitsloser in Deutschland betrug im Juni 2,8 Millionen Personen. Das Vorjahresniveau wurde erstmals seit März 2010 um weniger als 100.000 Personen unterschritten (-2,9 %). Die Arbeitslosenquote lag bei 6,6 % (-0,3 Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr).

 

Die Beschäftigungsexpansion setzte sich zuletzt fort, so dass aus konjunktureller Sicht die Lage auf dem Arbeitsmarkt noch als gut einzustufen ist. So stieg die Erwerbstätigenzahl nach dem Inlandskonzept (Ursprungswerte) im Mai auf ein Niveau von 41,6 Millionen Personen an. Damit waren gut eine halbe Million Personen mehr erwerbstätig als vor einem Jahr (+1,4 % gegenüber dem Vorjahr). Die saisonbereinigte Zahl der Erwerbstätigen nahm dabei um 37.000 Personen gegenüber dem Vormonat zu. Der Anstieg war etwas höher als in den beiden Monaten zuvor.

 

Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung wurde im April 2012 gegenüber dem Vormonat – entsprechend der Hochrechnung der Bundesagentur für Arbeit – um saisonbereinigt 46.000 Personen ausgeweitet. Nach Ursprungswerten überschritten die sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse das Niveau des Vorjahres um 666.000 Personen (+2,4 %). Damit zeigt die Erwerbstätigkeit, insbesondere die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung, weiterhin einen deutlichen Aufwärtstrend. Der Beschäftigungsaufbau hat auch zum spürbaren Anstieg der Einnahmen aus der Lohnsteuer beigetragen. So erhöhten sich im Zeitraum Januar bis Juni die Einnahmen aus der Lohnsteuer vor Abzug der aus dem Lohnsteueraufkommen zu zahlenden Leistungen Kindergeld und Altersvorsorgezulage um 4,2 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum.

 

Allerdings bestehen wohl auch Arbeitsmarktrisiken. So spiegelt sich die in Umfragen abzeichnende Verschlechterung der Geschäftsaussichten der Unternehmen auch in den vorlaufenden Indikatoren hinsichtlich der weiteren Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt wider. Dabei wollen die Unternehmen, insbesondere im Verarbeitenden Gewerbe (ifo Beschäftigungsbarometer, Einkaufsmanagerindex), ihr Personal nicht weiter aufstocken. Jedoch liegt der aktuelle Wert des ifo Beschäftigungsbarometers für die gewerbliche Wirtschaft immer noch deutlich über seinem zehnjährigen Durchschnitt. Darüber hinaus sind die Beschäftigungsabsichten im Dienstleistungsgewerbe weiterhin auf Ausweitung ausgerichtet. Der Stellenindex der Bundesagentur für Arbeit deutet ebenfalls auf eine nachlassende Arbeitskräftenachfrage hin, aber auch er befindet sich nach wie vor auf hohem Niveau.

 

Das Preisklima in Deutschland hat sich weiter beruhigt. So stieg der Verbraucherpreisindex für Deutschland im Juni um 1,7 % gegenüber dem vergleichbaren Vorjahreszeitraum an. Die Inflationsrate lag damit den zweiten Monat in Folge unter der Zweiprozentmarke. Die Teuerung wurde maßgeblich von der Preisniveauentwicklung bei Energie und Nahrungsmitteln bestimmt. Ohne die Berücksichtigung beider Gütergruppen hätte der Preisniveauanstieg bei 1,1 % gelegen. Dennoch trug ein geringerer Preisniveauanstieg bei Energieprodukten deutlich zu der insgesamt nachlassenden Teuerung bei. Dies ist insbesondere auf eine rückläufige Preisentwicklung bei Mineralölprodukten auf dem Weltmarkt zurückzuführen. So lagen die Rohölpreise (US-Dollar pro Barrel der Sorte Brent) im Juni knapp 17 % unter dem entsprechenden Vorjahresniveau. Unter Berücksichtigung der Entwicklung des Euro/Dollar-Wechselkurses gab es jedoch einen deutlich geringeren Rückgang des Rohölpreises um rund 4 %.

 

Auf den Preisstufen, die dem Verbrauch vorgelagert sind, flachte sich der Preisniveauanstieg weiter ab. Zwar wurde die Zunahme von Import- und Erzeugerpreisen noch maßgeblich von der Verteuerung von Energieprodukte bestimmt, diese ließ jedoch weiter nach. Darüber hinaus waren Importe von nichtenergetischen Rohstoffen zum Teil deutlich billiger als vor einem Jahr.

 

Für sich genommen ist die sich abzeichnende Beruhigung des Preisklimas auf dem Weltmarkt Ausdruck einer verhalteneren weltwirtschaftlichen Aktivität. Von der aktuellen Preisniveauentwicklung auf dem Weltmarkt geht derzeit daher kein Inflationsrisiko für Deutschland aus.

 

Weitere Informationen finden Sie auf der Homepage des BMF.

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Quelle: DATEV eG