Die weltwirtschaftliche Expansion hat sich im Frühjahr 2012 deutlich verlangsamt. Das globale Bruttoinlandsprodukt verzeichnete im zweiten Quartal den geringsten Zuwachs seit Überwindung der weltweiten Rezession im Jahr 2009, und die Konjunkturindikatoren waren bis zuletzt überwiegend abwärts gerichtet. Das berichtet das IfW Kiel.
IfW Kiel, Pressemitteilung vom 13.09.2012
Die weltwirtschaftliche Expansion hat sich im Frühjahr 2012 deutlich verlangsamt. Das globale Bruttoinlandsprodukt verzeichnete im zweiten Quartal den geringsten Zuwachs seit Überwindung der weltweiten Rezession im Jahr 2009, und die Konjunkturindikatoren waren bis zuletzt überwiegend abwärts gerichtet. Die weiteren Aussichten hängen zentral von der Entwicklung der Staatsschuldenkrise im Euroraum und den davon ausgehenden Einflüssen auf Nachfrage und Finanzmärkte ab. Unter der Annahme, dass sich die Anspannungen an den Finanzmärkten allmählich verringern, dürfte das Tempo der weltwirtschaftlichen Expansion im Verlauf des kommenden Jahres wieder zunehmen. In den fortgeschrittenen Volkswirtschaften wird die Konjunktur allerdings nur wenig Schwung entwickeln, denn es gibt beträchtliche bremsende Einflüsse von der Finanzpolitik und der private Sektor ist in vielen Ländern immer noch darum bemüht, seinen Verschuldungsgrad zu verringern. Alles in allem haben wir unsere Prognose für den Zuwachs der Weltproduktion im laufenden Jahr nochmals leicht, von 3,4 Prozent im Juni auf nun 3,3 Prozent, verringert. Für 2013 haben wir unsere Erwartungen etwas stärker von 3,9 auf 3,6 Prozent reduziert. Der Verbraucherpreisanstieg dürfte sich in diesem und im nächsten Jahr trotz ungünstiger Einflüsse von Seiten der Rohstoffpreise abschwächen.
Nachdem die weltwirtschaftliche Aktivität zu Beginn des Jahres 2012 vorübergehend etwas rascher zugenommen hatte, verlangsamte sie sich die im Frühjahr wieder deutlich. Das globale Bruttoinlandsprodukt legte im zweiten Quartal lediglich mit einer laufenden Jahresrate von 2,4 Prozent zu; dies ist der geringste Zuwachs seit Überwindung der weltweiten Rezession im Jahr 2009. Zudem signalisiert der IfW-Indikator für die weltwirtschaftliche Aktivität für das dritte Quartal einen nochmals schwächeren Produktionsanstieg. Die Industrieproduktion lag in der Welt insgesamt im Juni leicht unter ihrem Niveau zu Beginn des Jahres. Nachdem sie in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften bereits seit anderthalb Jahren nicht mehr aufwärts gerichtet ist, stagnierte sie in den vergangenen Monaten auch in den Schwellenländern.
Zahlreiche Bremsfaktoren für die Konjunktur
Ein wesentlicher Grund dafür, dass die Indikatoren für das Geschäftsklima in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften in den vergangenen Monaten nochmals deutlich gefallen sind, war die neuerliche Zuspitzung der Schuldenkrise im Euroraum. die dazu führte, dass sich der Stress an den Finanzmärkten im Euroraum nach der zu Beginn des Jahres verzeichneten Abnahme wieder stark erhöhte. Zwar sind die Verspannungen nach wie vor weitgehend auf den Euroraum beschränkt, und die Lage an den Finanzmärkten hat sich in den vergangenen Wochen wieder verbessert. Die Entwicklung der vergangenen Monate hat gleichwohl deutlich gemacht, dass die Politik von einer Lösung der Probleme noch weit entfernt ist und die Unsicherheit über die Zukunft der europäischen Währungsunion wohl noch geraume Zeit die Konjunktur belasten wird.
Konjunktur dämpfend wirkt in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften, dass in den meisten Ländern angesichts inzwischen zumeist hoher Bestände an Staatsschulden und oft immer noch sehr hoher Budgetdefizite erhebliche Anstrengungen zu Konsolidierung der Staatshaushalte erforderlich sind. Zum Teil – im Euroraum und im Vereinigten Königreich etwa – ist die Finanzpolitik bereits auf einem ausgeprägt restriktiven Kurs, zum Teil – so in den Vereinigten Staaten und in Japan – wird eine deutliche fiskalische Straffung im Prognosezeitraum eingeleitet. Hinzu kommt, dass die private Nachfrage in einer Reihe von Ländern nach wie vor durch Bestrebungen im privaten Sektor gebremst wird, eine in den Boomjahren vor der Finanzkrise angehäufte Verschuldung zu reduzieren, um sie mit offenbar nachhaltig gesenkten Einkommenserwartungen in Einklang zu bringen.
Die Konjunktur wird in den kommenden Monaten darüber hinaus dadurch gebremst, dass der Ölpreis in den vergangenen Wochen wieder stark gestiegen ist. Hinzu kommen drastisch höhere Weltmarktpreise für Nahrungsmittelrohstoffe, die insbesondere in den Entwicklungs- und Schwellenländern den privaten Konsum spürbar belasten dürften.
Schließlich wird mehr und mehr deutlich, dass die Eigendynamik in den Schwellenländern nicht ausreicht, um die wirtschaftliche Expansion angesichts schwächelnder Konjunktur in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften hoch zu halten. Neben den fehlenden Impulsen von der Auslandsnachfrage bestehen in den meisten großen Schwellenländern binnenwirtschaftliche Probleme, die die Konjunktur belasten.
Den negativen Einflüssen entgegen steht im Wesentlichen eine vor allem in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften stark expansiv ausgerichtete Geldpolitik, die angesichts der derzeitigen konjunkturellen Schwäche nochmals zusätzliche Maßnahmen ergreifen dürfte, um die Nachfrage anzuregen. Allerdings sind die Notenbanken durch ihre Politik in den vergangenen vier Jahren bereits weit auf von der Geldpolitik bislang nicht betretenes Terrain vorgedrungen, und so erhöht sich mit jeder zusätzlichen Maßnahme auch das Risiko, dass es zu nicht erwünschten Auswirkungen kommt. Daher ist es wahrscheinlich, dass die Notenbanken ihre Politik nur vorsichtig weiter lockern, sofern eine dramatische Zuspitzung der Lage an den Finanzmärkten ausbleibt.
Ausblick: Nur langsame Belebung der Weltkonjunktur
Die Konjunkturindikatoren lassen erwarten, dass die Weltwirtschaft im Herbst nochmals an Fahrt verliert. Die weiteren Aussichten hängen zentral von der Entwicklung der Staatsschuldenkrise im Euroraum und den davon ausgehenden Einflüssen auf Nachfrage und Finanzmärkte ab. In den Vereinigten Staaten bestehen zusätzliche Konjunkturrisiken in der Unsicherheit über die Finanzpolitik, die bei Ausbleiben eines Kompromisses zwischen den politischen Lagern im kommenden Jahr massiv restriktiv zu werden droht. Darüber hinaus ist das Ausmaß der konjunkturellen Abkühlung in China unklar. Ein Einbruch der Binnennachfrage hier hätte spürbare Auswirkungen auf die Produktion nicht nur im übrigen asiatischen Raum.
Für die Prognose unterstellen wir, dass sich die Anspannungen an den Finanzmärkten im Zusammenhang mit der Staatsschuldenkrise im Euroraum allmählich verringern. Hierzu dürften Fortschritte bei der Sanierung des spanischen Bankensektors, die mithilfe des ESM erfolgt, ebenso beitragen wie das in Aussicht gestellte Eingreifen der EZB zur Begrenzung des Renditeanstiegs auf Staatsanleihen der Krisenländer. Bezüglich der Finanzpolitik in den Vereinigten Staaten nehmen wir an, dass nur etwa die Hälfte der gegenwärtig gesetzlich vorgesehenen Sparmaßnahmen umgesetzt wird. Schließlich erwarten wir für China, dass eine „weiche Landung“ der Konjunktur gelingt, nicht zuletzt, weil Geld- und Finanzpolitik – anders als in den meisten fortgeschrittenen Volkswirtschaften – nach wie vor beträchtliche Möglichkeiten besitzt, die Nachfrage zu stimulieren.
Bei diesen Annahmen dürfte das Tempo der weltwirtschaftlichen Expansion im Verlauf des kommenden Jahres wieder zunehmen. In den fortgeschrittenen Volkswirtschaften wird die Konjunktur angesichts der vielfältigen bremsenden Einflüsse allerdings nur wenig Schwung entwickeln. Insgesamt rechnen wir für das Bruttoinlandsprodukt dieser Ländergruppe mit einer sehr gemessen an historischen Standards mäßigen Zunahme von 1,4 Prozent in diesem Jahr. Im Jahr 2013 dürfte der Produktionsanstieg trotz einer Belebung im Verlauf sogar noch etwas niedriger ausfallen. Er dürfte kaum ausreichen, um die Arbeitslosigkeit zu verringern. In den Schwellenländern wird die Wirtschaftspolitik angesichts einer verlangsamten wirtschaftlichen Expansion zunehmend bemüht sein, die Konjunktur anzuregen. Dies dürfte im Prognosezeitraum zu einer wieder stärkeren Zunahme der gesamtwirtschaftlichen Produktion führen. Eine Rückkehr zu ähnlich hohen Expansionsraten, wie sie vor der Finanzkrise verzeichnet wurden, ist ohne die Unterstützung einer kräftig zunehmenden Nachfrage in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften jedoch nicht zu erwarten.
Alles in allem rechnen wir mit einem Anstieg der Weltproduktion im laufenden Jahr um 3,3 Prozent. Für 2013 haben wir unsere Prognose auf 3,6 Prozent gesenkt. Bei diesem Expansionstempo geht die Auslastung der weltweiten Produktionskapazitäten in diesem Jahr zurück, und sie steigt auch im Durchschnitt des kommenden Jahr noch nicht wieder an. Der Welthandel nimmt 2012 mit einer Rate von 3 Prozent voraussichtlich deutlich schwächer als im mittelfristigen Trend. Für 2013 erwarten wir eine Beschleunigung auf 4,5 Prozent. Der Verbraucherpreisanstieg dürfte sich bei der schwachen Konjunktur in diesem und im nächsten Jahr trotz der ungünstigen Einflüsse von den Rohstoffpreisen insgesamt abschwächen.
Weitere Informationen finden Sie auf der Homepage des IfW Kiel.
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Quelle: DATEV eG