Gemeindevertretung Villmar – kein mündlicher Verzicht auf Losverfahren bei der Wahl eines Beigeordneten möglich

Das VG Wiesbaden entschied, dass bei der Wahl des Ersten Beigeordneten des Marktfleckens Villmar der Vorsitzende der CDU-Fraktion nicht berechtigt war, den Verzicht auf das bei Stimmengleichheit durchzuführende Losverfahren zu erklären (Az. 7 K 996/16.WI).

 

Gemeindevertretung Villmar – kein mündlicher Verzicht auf Losverfahren bei der Wahl eines Beigeordneten möglich

 

VG Wiesbaden, Pressemitteilung vom 07.02.2017 zum Urteil 7 K 996/16.WI vom 12.01.2017

 

Die 7. Kammer des Verwaltungsgerichts Wiesbaden hat mit Urteil vom 12.01.2017 entschieden, dass bei der Wahl des Ersten Beigeordneten des Marktfleckens Villmar der Vorsitzende der CDU-Fraktion nicht berechtigt war, den Verzicht auf das bei Stimmengleichheit durchzuführende Losverfahren zu erklären.

 

Bei der Wahl des Gemeindevorstands einschließlich des Ersten Beigeordneten am 28. April 2016 waren sowohl auf die CDU- als auch auf die SPD-Fraktion eine gleiche Anzahl von Stimmen entfallen. Nachdem der Vorsitzende der Gemeindevertretung erklärt hatte, es sei nun ein Losverfahren durchzuführen, verzichtete der CDU-Fraktionsvorsitzende mündlich auf das Losverfahren. Somit wurde der erste Kandidat auf der Liste des Wahlvorschlags der SPD zum Ersten Beigeordneten ernannt. Hiergegen erhob ein Mitglied der Gemeindevertretung Klage beim Verwaltungsgericht Wiesbaden.

 

Das Gericht stellte in seiner Entscheidung fest, dass es zwar möglich sei, dass bei Stimmengleichheit zweier Listen von Wahlvorschlägen auf die Durchführung des Losverfahrens zur Bestimmung des ehrenamtlichen Ersten Beigeordneten verzichtet werden könne. Der Verzicht müsse jedoch schriftlich gegenüber dem Wahlleiter erklärt werden. Zudem seien für die Verzichtserklärung nur die vorgeschlagenen Personen der Listen berechtigt, zwischen denen das Los entscheiden würde und nicht der Fraktionsvorsitzende, wie im zu entscheidenden Fall. Schließlich sei ein Losverfahren nur dann entbehrlich, wenn alle vorgeschlagenen Personen einer Wahlliste, zwischen denen das Los entscheiden würde, verzichtet hätten. Da bei der Wahl zum Ersten Beigeordneten diese Vorschriften nicht eingehalten wurden, stellte das Gericht fest, dass die Wahl des Ersten Beigeordneten des Marktfleckens Villmar ungültig war.

 

Gegen die Entscheidung kann ein Antrag auf Zulassung der Berufung gestellt werden, über den der Hessische Verwaltungsgerichtshof zu entscheiden hat (Az. 7 K 996/16.WI).

 

Hinweis zur Rechtslage

 

§ 55 HGO – Wahlen

(1) Sind mehrere gleichartige unbesoldete Stellen zu besetzen, wird in einem Wahlgang nach den Grundsätzen der Verhältniswahl, im Übrigen für jede zu besetzende Stelle in einem besonderen Wahlgang nach Stimmenmehrheit gewählt. Die Stellen von ehrenamtlichen Beigeordneten sind gleichartige Stellen im Sinne von Satz 1; wird die Stelle des Ersten Beigeordneten ehrenamtlich verwaltet, so ist Erster Beigeordneter der erste Bewerber desjenigen Wahlvorschlags, der die meisten Stimmen erhalten hat. Wird die Zahl mehrerer gleichartiger unbesoldeter Stellen während der Wahlzeit (§ 36) erhöht, so findet keine neue Wahl statt; die neuen Stellen werden auf der Grundlage einer Neuberechnung der Stellenverteilung unter Berücksichtigung der erhöhten Zahl der Stellen vergeben. Bei Stimmengleichheit entscheidet das vom Vorsitzenden zu ziehende Los.

 

(2) Haben sich alle Gemeindevertreter bei einer Wahl, die nach den Grundsätzen der Verhältniswahl vorzunehmen wäre, auf einen einheitlichen Wahlvorschlag geeinigt, ist der einstimmige Beschluss der Gemeindevertretung über die Annahme dieses Wahlvorschlags ausreichend; Stimmenthaltungen sind unerheblich. Ehrenamtlicher Erster Beigeordneter ist der erste Bewerber des Wahlvorschlags; bei einer Erhöhung der Zahl der Stellen im Laufe der Wahlzeit rückt der nächste noch nicht berufene Bewerber des Wahlvorschlags nach; im Übrigen gilt Abs. 4 entsprechend.

 

(3) Gewählt wird schriftlich und geheim aufgrund von Wahlvorschlägen aus der Mitte der Gemeindevertretung. Bei Wahlen, die nach Stimmenmehrheit vorzunehmen sind, kann, wenn niemand widerspricht, durch Zuruf oder Handaufheben abgestimmt werden; dies gilt nicht für die Wahl der hauptamtlichen Beigeordneten.

 

(4) Wird nach den Grundsätzen der Verhältniswahl gewählt, finden für das Wahlverfahren die Vorschriften des Hessischen Kommunalwahlgesetzes (KWG) entsprechend Anwendung mit der Maßgabe, dass § 22 Abs. 4 KWG keine Anwendung findet, wenn zwei Stellen zu besetzen sind. Im Falle des § 34 Abs. 1 KWG rückt der nächste noch nicht berufene Bewerber desselben Wahlvorschlags an die Stelle des ausgeschiedenen Vertreters, es sei denn, die noch wahlberechtigten Unterzeichner des Wahlvorschlags beschließen binnen vierzehn Tagen seit Ausscheiden des Vertreters mit einfacher Mehrheit eine andere Reihenfolge; das gilt auch im Falle des Abs. 1 Satz 3 entsprechend. Die Aufgaben des Wahlleiters werden von dem Vorsitzenden der Gemeindevertretung wahrgenommen.

 

(5) Wird nach Stimmenmehrheit gewählt, so ist derjenige Bewerber gewählt, für den mehr als die Hälfte der gültigen Stimmen abgegeben ist; Nein-Stimmen gelten als gültige Stimmen, Stimmenthaltungen als ungültige Stimmen. Wird bei einer Wahl mit zwei oder mehr Bewerbern die nach Satz 1 erforderliche Mehrheit im ersten Wahlgang nicht erreicht, so findet ein weiterer Wahlgang statt. Entfallen im ersten Wahlgang auf mehr als zwei Bewerber Stimmen, so erfolgt dieser Wahlgang zwischen den zwei Bewerbern, die im ersten Wahlgang die meisten Stimmen erhalten haben; bei Stimmengleichheit entscheidet das vom Vorsitzenden zu ziehende Los darüber, wer in den weiteren Wahlgang gelangt. Erreicht auch in diesem Wahlgang kein Bewerber die nach Satz 1 erforderliche Mehrheit, so ist gewählt, wer in einem dritten Wahlgang die meisten Stimmen erhält; bei Stimmengleichheit entscheidet das Los. Bei Rücktritt eines Bewerbers in den weiteren Wahlgängen ist der gesamte Wahlvorgang als ergebnislos zu werten. Die Gemeindevertretung kann nach jedem Wahlgang darüber beschließen, ob das Wahlverfahren in einer weiteren Sitzung wiederholt werden soll.

 

(6) Gegen die Gültigkeit von Wahlen, die von der Gemeindevertretung nach den vorstehenden Vorschriften durchgeführt werden, kann jeder Gemeindevertreter innerhalb eines Monats nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses schriftlich oder zur Niederschrift Widerspruch bei dem Vorsitzenden der Gemeindevertretung erheben. Über den Widerspruch entscheidet die Gemeindevertretung. Für das weitere Verfahren gelten die Vorschriften der Verwaltungsgerichtsordnung mit der Maßgabe, dass die Klage gegen die Gemeindevertretung zu richten ist.

 

(7) § 3a des Hessischen Verwaltungsverfahrensgesetzes findet keine Anwendung.

 

§ 33 KWG – Verlust der Rechtsstellung eines Vertreters

(1) Ein Vertreter verliert seinen Sitz

 

1. durch Verzicht,

 

2. durch Verlust der Wählbarkeit oder der Fähigkeit zur Bekleidung öffentlicher Ämter sowie durch Eintritt eines Hinderungsgrundes für die Mitgliedschaft in der Vertretungskörperschaft (§ 37, § 65 Abs. 2 der Hessischen Gemeindeordnung, § 27, § 36 Abs. 2 der Hessischen Landkreisordnung),

 

3. aufgrund einer Entscheidung im Wahlprüfungsverfahren,

 

4. im Falle der Eingliederung einer Gemeinde in eine andere Gemeinde durch eine Vereinbarung nach § 16 Abs. 3 der Hessischen Gemeindeordnung, wenn der Vertreter der aufnehmenden Gemeindevertretung nicht angehört; § 34 gilt in diesem Fall nicht.

 

(2) Der Verzicht ist dem Wahlleiter gegenüber schriftlich zu erklären; er ist unwiderruflich.

 

(3) Der Vertreter scheidet aus der Vertretungskörperschaft aus,

 

1. im Falle des Abs. 1 Nr. 1 mit der Feststellung des Wahlleiters,

 

2. im Falle des Abs. 1 Nr. 2 bei Vorliegen eines rechtskräftigen Richterspruchs mit der Feststellung eines Wahlleiters, im Übrigen mit der Unanfechtbarkeit der Feststellung des Wahlleiters,

 

3. im Falle des Abs. 1 Nr. 3 mit der Rechtskraft der Entscheidung,

 

4. im Falle des Abs. 1 Nr. 4 mit dem Inkrafttreten der Vereinbarung nach § 16 Abs. 3 der Hessischen Gemeindeordnung.

 

(4) Durch das Ausscheiden eines Vertreters wird die Rechtswirksamkeit seiner bisherigen Tätigkeit nicht berührt.

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Quelle: DATEV eG