21 Jahre nach der deutschen Vereinigung haben sich lt. Hans-Böckler-Stiftung die durchschnittlichen Tariflöhne in Ostdeutschland stark an die im Westen angenähert.
Hans-Böckler-Stiftung, Pressemitteilung
vom 30.09.2011
Bei Tariflöhnen deutlich geringere
Unterschiede
21 Jahre nach der deutschen Vereinigung
haben sich die durchschnittlichen Tariflöhne in Ostdeutschland stark an die im
Westen angenähert. Die tariflichen Grundvergütungen in den neuen Ländern
erreichen nach den aktuellsten vorliegenden Daten von 2010 rund 96 Prozent des
West-Niveaus. Unterschiede gibt es vor allem noch bei den tariflichen
Arbeitszeiten und bei Sonderzahlungen wie dem Weihnachtsgeld. Weitaus größer ist
der Einkommensrückstand bei ostdeutschen Beschäftigten, die nicht nach Tarif
bezahlt werden. Insgesamt fallen die effektiven Bruttoverdienste daher im Osten
um 17 Prozent niedriger aus als im Westen. Darauf weist Dr. Reinhard Bispinck
hin, der Tarifexperte des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts
(WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung.
Ein Blick auf die Entwicklung der
wichtigsten Tarifregelungen und -leistungen zeigt:
Das Tarifniveau
Ost/West, also das Verhältnis der tariflichen Grundvergütungen, betrug 1991 rund
60 Prozent und Ende 2010 96 Prozent.
Die tarifliche Wochenarbeitszeit lag
im Osten 1991 mit 40,2 gut 2 Stunden höher als im Westen mit 38,1 Stunden. Ende
2010 belief sich die Wochenarbeitszeit auf 38,8 Stunden im Osten und 37,5
Stunden im Westen.
Der tarifliche Grundurlaub beträgt zurzeit im Osten
26,6 Arbeitstage (West: 28,1), der Endurlaub, also die maximal erreichbare Zahl
von Urlaubstagen, erreicht 29,5 Arbeitstage (West: 30,1).
Das tarifliche
Urlaubsgeld, festgelegt als Prozentsatz des Monats- bzw. Urlaubsentgeltes, hat
in vielen Tarifbereichen Westniveau erreicht. Da, wo es als fester Euro-Betrag
vereinbart ist, ist es teilweise noch deutlich niedriger.
Die tarifliche
Jahressonderzahlung (Weihnachtsgeld) hat in einigen Bereichen ebenfalls
Westniveau erreicht, aber auch in größeren Branchen (Metall, Chemie,
Einzelhandel, öffentlicher Dienst) bestehen noch Unterschiede.
Dass sich
der erreichte tarifliche Angleichungsstand in der Realität nicht 1:1
niederschlägt, hängt nach Analyse des WSI-Tarifexperten Reinhard Bispinck damit
zusammen, dass die Prägekraft der Tarifverträge in Ostdeutschland zu schwach ist
und im Laufe der Jahre noch abgenommen hat.
„Das ist eine Folge der
deutlich geringeren Tarifbindung, aber in Ostdeutschland fehlt auch die im
Westen über Jahrzehnte gewachsene Tarifkultur“ so der Experte. Die große Kluft
zwischen höheren tariflichen und niedrigeren effektiven Standards von Löhnen,
Gehältern und Arbeitszeiten untergrabe die Verbindlichkeit der Tarifnormen.
Weniger Bindekraft, mehr unverbindliche Orientierungsfunktion – so lasse sich
der Funktionswandel der Tarifverträge in den neuen Ländern
umschreiben.
Die weitere Angleichung der ostdeutschen tariflichen
Arbeits- und Einkommensbedingungen an das West-Niveau und ihre praktische
Umsetzung setzen nach Auffassung des WSI zwingend eine Revitalisierung des
Tarifvertrages und des gesamten Tarifsystems voraus. Nur wenn es gelinge, die
formale Tarifbindung zu erweitern und die inhaltliche Verbindlichkeit von
Tarifnormen zu verbessern, bestehe eine echte Chance, die noch bestehende
Einkommenskluft zwischen Ost und West zu verringern.
„Das ist zweifellos
eine Aufgabe, der sich in erster Linie die Tarifvertragsparteien stellen
müssen“, sagt Bispinck. „Aber es bleibt auch eine Herausforderung an die
Politik.“ Zum einen würde ein allgemeiner gesetzlicher Mindestlohn helfen, das
Einkommensniveau am unteren Rand zu stabilisieren und Spielraum für darauf
aufbauende Tarifpolitik zu schaffen. Zum anderen könne die Politik die
Reichweite der Tarifverträge selbst verbessern, zum Beispiel durch
branchenspezifische Mindestlöhne auf Basis des Entsendegesetzes und durch ein
erleichtertes Verfahren zur Allgemeinverbindlicherklärung von Tarifverträgen.
Solche Maßnahmen hätten bundesweit positive Auswirkungen, so der
Wissenschaftler, in Ostdeutschland wären sie aber von besonderer
Dringlichkeit.
Quelle: Hans-Böckler-Stiftung
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