Konjunkturelle Expansion in Deutschland gerät ins Stocken

Die wirtschaftliche Entwicklung wird lt. IfW Kiel in der zweiten Jahreshälfte zwar noch leicht aufwärts gerichtet bleiben, die Dynamik wird aber spürbar schwächer ausfallen als in den ersten sechs Monaten. Maßgeblich hierfür sind ein weniger dynamisches weltwirtschaftliches Umfeld sowie der Investitionsattentismus der Unternehmen im Inland. Für das laufende Jahr erwarten wir eine Zunahme des BIP um 0,8 Prozent, im Durchschnitt des nächsten Jahres dürfte ein Zuwachs von 1,1 Prozent zu verzeichnen sein.

 

IfW Kiel, Pressemitteilung vom 13.09.2012

 

Die wirtschaftliche Entwicklung wird in der zweiten Jahreshälfte zwar noch leicht aufwärts gerichtet bleiben, die Dynamik wird aber spürbar schwächer ausfallen als in den ersten sechs Monaten. Maßgeblich hierfür sind ein weniger dynamisches weltwirtschaftliches Umfeld sowie der Investitionsattentismus der Unternehmen im Inland, der weiterhin durch die Unsicherheit über die ungelösten Schuldenkrisen sowie die unklare zukünftige Wirtschaftspolitik im Euro-Währungsgebiet genährt wird. Unter der Voraussetzung, dass sich diese Unsicherheiten im Laufe des kommenden Jahres nach und nach verringern, dürften die Auftriebskräfte an Bedeutung gewinnen. Insbesondere werden dann die für Investoren in Deutschland derzeit extrem günstigen Finanzierungsbedingungen vermehrt ihre expansive Wirkung entfalten. Im Prognosezeitraum tragen die binnenwirtschaftlichen Kräfte die Expansion der Produktion, während vom Außenhandel leicht dämpfende Effekte ausgehen. In diesem wie im nächsten Jahr dürfte die deutsche Volkswirtschaft das bei Normalauslastung mögliche Produktionsvolumen in etwa ausschöpfen. Im Verlauf des nächsten Jahres ist mit einer leicht anziehenden gesamtwirtschaftlichen Kapazitätsauslastung zu rechnen. Die Erwerbstätigkeit bleibt zwar auf Expansionskurs, die Aufwärtsdynamik ist aber im gesamten Prognosezeitraum zu schwach, um die Arbeitslosigkeit auf ihrem derzeitigen Niveau zu halten. Im kommenden Jahr dürfte der Budgetausgleich des öffentlichen Gesamthaushalts nahezu gelingen, eine Fortsetzung oder gar Forcierung des Konsolidierungskurses ist derzeit jedoch nicht in Sicht.

 

Nach dem lebhaften Jahresauftakt hat sich das Expansionstempo der deutschen Volkswirtschaft im zweiten Quartal auf die Potentialwachstumsrate abgeschwächt. Der bremsende Effekt der Binnenkonjunktur bildete sich fast vollständig zurück, dies wurde jedoch überkompensiert durch schwächere Nettoimpulse aus dem Außenhandel; zwar legten die Ausfuhren durch verstärkte Belieferung außereuropäischer Märkte kräftig zu. Noch stärker war indes der Anstieg der Einfuhr. Die privaten Konsumausgaben zogen infolge gestiegener Kaufkraft und einer recht robusten Arbeitsmarktlage deutlich an. Während der Wohnungsbau weiterhin deutlich aufwärts gerichtet ist, gingen die Unternehmensinvestitionen spürbar zurück. Dies dürfte – bei zuletzt leicht rückläufiger Kapazitätsauslastung im Verarbeitenden Gewerbe – maßgeblich der anhaltenden Verunsicherung über die zukünftige Entwicklung im Euro-Währungsgebiet geschuldet sein. Vor dem Hintergrund einer Seitwärtsbewegung der Auftragseingänge und deutlich eingetrübter Stimmungswerte rechnen wir für das dritte Quartal mit keiner nennenswerten Expansion der ökonomischen Aktivität. Diese dürfte erst im Verlauf des nächsten Jahres wieder kräftiger werden, wobei das Anziehen der Investitionstätigkeit der Unternehmen ausschlaggebend ist. Dies setzt allerdings eine allmähliche Überwindung des derzeitigen Attentismus durch vertrauensstiftende Maßnahmen der europäischen Wirtschaftspolitik voraus. Vom Außenhandel werden indes per Saldo dämpfende Effekte ausgehen, weil sich wichtige Handelspartner noch einige Zeit in schwerem Fahrwasser befinden werden. Für das laufende Jahr erwarten wir eine Zunahme des Bruttoinlandsprodukts um 0,8 Prozent (arbeitstäglich bereinigt: 1 Prozent), im Durchschnitt des nächsten Jahres dürfte ein Zuwachs von 1,1 Prozent (arbeitstäglich bereinigt: 1,2 Prozent) zu verzeichnen sein. Die Verlaufsrate dürfte dann mit 1,7 Prozent deutlich höher ausfallen. In der Abwärtskorrektur für das Jahr 2013 gegenüber unserer Sommerprognose um 0,6 Prozentpunkte spiegelt sich insbesondere ein nunmehr später einsetzender Investitionsaufschwung wider, der den Beginn der Hochkonjunktur nicht vor dem Jahr 2014 erwarten lässt. Bis dahin dürften die gesamtwirtschaftlichen Produktionskapazitäten im Großen und Ganzen normal ausgelastet sein.

 

Die langsamere Gangart der Konjunktur zeigt ihre Spuren auch am Arbeitsmarkt. Seit dem Frühjahr hat die Zahl der Arbeitslosen erstmals seit drei Jahren wieder zugenommen und der Aufbau sozialversicherungspflichtiger Beschäftigungsverhältnisse hat sich deutlich verlangsamt. Im Prognosezeitraum wird wohl die Arbeitslosigkeit bei zunehmender Erwerbstätigkeit leicht zunehmen. Saisonbereinigt dürfte die Arbeitslosigkeit im Prognosezeitraum um etwa 70.000 Personen steigen und sich am Ende des kommenden Jahres nur knapp unter der 3-Millionen-Marke bewegen.

 

Die Inflation war seit dem Frühjahr nicht zuletzt dank zeitweise rückläufiger Energiepreise recht verhalten. Mit dem Wegfall bzw. Umkehrung dieses dämpfenden Faktors zog die Teuerung zuletzt aber wieder spürbar an. In diesem Jahr dürften die Verbraucherpreise um 2 Prozent steigen, im nächsten Jahr um 2,1 Prozent. Im Verlauf des nächsten Jahres nehmen die binnenwirtschaftlichen Preisauftriebskräfte zu, so dass für die weitere Entwicklung deutlich höhere Inflationsraten angelegt sind.

 

Der öffentliche Gesamthaushalt wird in diesem Jahr nahezu ausgeglichen sein und ein Defizit von knapp 4 Mrd. Euro aufweisen (dies entspricht 0,1 Prozent der Wirtschaftsleistung). Während die Sozialversicherungen erneut mit einem deutlichen Plus abschießen werden, dürften die Gebietskörperschaften über 17 Mrd. Euro mehr ausgeben als einnehmen. Für das kommende Jahr zeichnen sich ganz ähnliche Defizitzahlen ab. Mangels weiterer Konsolidierungsanstrengungen bleibt das strukturelle Defizit somit nahezu unverändert.

 

Weitere Informationen finden Sie auf der Homepage des IfW Kiel.

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Quelle: DATEV eG