Schulden- und Vertrauenskrise bringt Rezessionsgefahr nach Deutschland

Laut IWH Halle hat die internationale Schulden- und Vertrauenskrise die deutsche Konjunktur aus dem Tritt gebracht. Vorlaufende Stimmungsindikatoren deuten auf einen Rückgang der Produktion im Winterhalbjahr hin. Positive Impulse gibt es lediglich aus dem Inland.

IWH Halle, Pressemitteilung vom 14.09.2011

Die internationale Schulden- und Vertrauenskrise hat auch die deutsche Konjunktur aus dem Tritt gebracht. Vorlaufende Stimmungsindikatoren deuten auf einen Rückgang der Produktion im Winterhalbjahr hin. Gleichwohl wird das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt im Jahresdurchschnitt 2011 wohl um 3,0 % steigen. Im Jahr 2012 dürfte der Zuwachs mit 0,8 % jedoch deutlich geringer ausfallen. Positive Impulse kommen aus dem Inland, während der Wachstumsbeitrag des Außenhandels negativ ist.

Drei Jahre nach dem Beginn der schwersten Rezession der Nachkriegsgeschichte steht die Wirtschaft des Euroraums vor einer erneuten Rezession; die Konjunktur in Deutschland gerät aller Wahrscheinlichkeit nach in eine Phase der Stagnation. Nach der hier vorgelegten Prognose wird die gesamtwirtschaftliche Produktion in Deutschland in beiden Quartalen des Winterhalbjahres 2011/2012 leicht sinken; die technische Bedingung für eine Rezession wäre damit auch hier erfüllt.

Eine langsamere Gangart der Konjunktur ab dem zweiten Halbjahr 2011 war schon im Frühjahr weithin erwartet worden. In den vergangenen Wochen hat die Abschwächung jedoch eine neue Qualität bekommen. Die Aktienkurse sind rund um den Globus massiv eingebrochen und zeigen deutlich erhöhte Schwankungen. Gleichzeitig haben sich die Vertrauensindikatoren weltweit stark verschlechtert, zuletzt insbesondere auch in Deutschland. Der Vertrauensverlust setzte ein, während in den USA um die Ausweitung der Obergrenze für Bundesschulden und in der Europäischen Union um ein neues Hilfspaket für Griechenland sowie eine Reform des Rettungsfonds gerungen wurde. Die Ende Juli ausgehandelten Kompromisse wurden weder diesseits noch jenseits des Atlantiks als Befreiungsschläge aus den fiskalpolitischen Krisen aufgefasst und konnten deshalb die Stimmungseinbrüche nicht aufhalten. Stattdessen hat sich die Situation im Euroraum in den vergangenen Wochen weiter zugespitzt, weil an den Finanzmärkten Zweifel an der Zahlungsfähigkeit der großen Schuldenländer Spanien und vor allem Italien größer geworden sind. Zwar konnte die Europäische Zentralbank eine deutliche Erhöhung der Risikoaufschläge italienischer und spanischer Staatsanleihen durch eine Ausweitung ihres Ankaufprogramms verhindern, eine langfristige Lösung für die Schuldenproblematik ist dies jedoch nicht.

Für die Prognose ist unterstellt, dass sich die Lage an den Finanzmärkten wieder etwas entspannt. Unter dieser Annahme dürfte die Produktion in Deutschland im dritten Quartal 2011 zwar noch einmal kräftig zulegen (0,7 %), dies signalisiert beispielsweise die gute Produktions- und Umsatzentwicklung. Vorlaufende Stimmungsindikatoren deuten jedoch darauf hin, dass sich die konjunkturelle Dynamik danach deutlich verlangsamen wird. Da sich noch immer keine Lösung der Schulden- und Vertrauenskrise im Euroraum abzeichnet, nimmt die Unsicherheit von privaten Konsumenten und Unternehmen zu. Sie dürften darauf mit einer gewissen Konsum- und Investitionszurückhaltung reagieren. Infolgedessen wird die Produktion in den beiden Quartalen des Winterhalbjahres wohl leicht – um jeweils 0,1 % – zurückgehen. Im weiteren Jahresverlauf 2012 dürfte sich die Produktion dann mit der unterstellten langsamen Rückkehr des Vertrauens bei Unternehmen, privaten Haushalten und Finanzinvestoren zunächst stabilisieren, um in der zweiten Jahreshälfte wieder Fahrt aufzunehmen. Positive Impulse erhält die Konjunktur von den weiterhin sehr niedrigen Zinsen sowie einer aufwärtsgerichteten Produktion außerhalb des Euroraums. Auch nehmen die verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte angesichts eines nur geringfügigen Beschäftigungsabbaus und abermals recht kräftig steigender Löhne weiter merklich zu.

Im Jahresdurchschnitt wird das reale Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2012 um 0,8 % steigen, nach 3,0 % im laufenden Jahr. Die Zahl der Erwerbstätigen bleibt jedoch hoch und ist Ende nächsten Jahres auf einem historischen Höchststand. Die Arbeitslosigkeit dürfte im Winterhalbjahr geringfügig zunehmen, danach aber wieder zurückgehen. Der Preisauftrieb beruhigt sich; die Verbraucherpreise werden im Jahr 2011 wohl um 2,3 % und im Jahr 2012 um 1,8 % steigen. Das nominale Bruttoinlandsprodukt dürfte um 3,5 % im laufenden Jahr und um 2,1 % im Jahr 2012 zunehmen. Die Defizitquote sinkt in diesem Jahr auf 0,9 % in Relation zum nominalen Bruttoinlandsprodukt und verharrt trotz der konjunkturellen Abkühlung im kommenden Jahr wohl auf diesem Niveau.

Das größte Risiko besteht in der derzeitigen Situation in einer dramatischen Zuspitzung der europäischen Staatsschuldenkrise. Derzeit scheint es nicht mehr ausgeschlossen, dass die Institutionen, die derzeit noch die Stabilität der Finanzmärkte im Euroraum garantieren, nämlich die Europäische Zentralbank und der Euro- Rettungsschirm, wegen fehlender politischer Unterstützung aus den Mitgliedstaaten ihre Rolle nicht mehr erfüllen können und das europäische Finanzsystem erneut ins Wanken gerät. Dabei muss berücksichtigt werden, dass – anders als nach der Insolvenz von Lehman Brothers vor drei Jahren – viele Staaten eine Rekapitalisierung der nationalen Banken wohl nicht mehr leisten könnten, da die öffentlichen Haushalte bereits sehr stark angespannt sind. Eine Finanz- und Bankenkrise im Euroraum hätte gravierende Konsequenzen für Konjunktur und Wachstum.

Weitere Informationen finden Sie auf der Homepage der IWH Halle.

Quelle: IWH Halle

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Quelle: DATEV eG