Laut einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung tragen Beschäftigte mit niedriger Qualifikation ein erhebliches Risiko, durch Krankheit dauerhaft arbeitsunfähig zu werden. Die Wahrscheinlichkeit, eine Erwerbsminderung zu erleiden, sei bei ihnen bis zu 10-mal so hoch wie unter Akademikern.
Hans-Böckler-Stiftung, Pressemitteilung
vom 13.09.2011
Beschäftigte mit niedriger
Qualifikation tragen ein erhebliches Risiko, durch Krankheit dauerhaft
arbeitsunfähig zu werden. Die Wahrscheinlichkeit, eine Erwerbsminderung zu
erleiden, ist bei ihnen bis zu 10-mal so hoch wie unter Akademikern. Zu diesem
Ergebnis kommen Wissenschaftler vom Institut für Soziologie der Freien
Universität Berlin, des Deutschen Zentrums für Altersfragen (DZA), des
Robert-Koch-Instituts (RKI) und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung
(DIW). Ein Aufsatz zu ihrer Untersuchung ist in den WSI Mitteilungen erschienen,
der Fachzeitschrift des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts
(WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung.
Fast jeder fünfte Deutsche, der heute
in Rente geht, hat sein Arbeitsleben aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig
beenden müssen. Knapp 20 Prozent der Neu-Ruheständler beziehen eine
Erwerbsminderungsrente, nachdem in einem strengen Verfahren festgestellt wurde,
dass sie zu krank sind, um regulär weiterzuarbeiten. Meist tritt eine teilweise
oder vollständige Erwerbsminderung bei Beschäftigten jenseits der 50 auf. So
bezogen beispielsweise im Jahr 2008 unter 1.000 aktiv Versicherten der
Gesetzlichen Rentenversicherung im Alter von 45 Jahren weniger als fünf erstmals
eine Erwerbsminderungsrente. Unter den 58-Jährigen waren es schon gut dreimal so
viele.
Das Alter ist jedoch keineswegs der einzige Faktor, macht die
aktuelle Studie von Dr. Christine Hagen, PD Dr. Ralf K. Himmelreicher, Daniel
Kemptner und Dr. Thomas Lampert deutlich. Die vier Wissenschaftler haben
erstmals auf umfassender empirischer Grundlage untersucht, welche
Personengruppen unter abhängig Beschäftigten häufig von Erwerbsminderung
betroffen sind, und welche seltener. Dazu werteten sie die anonymisierten Daten
von gut 127.000 Menschen aus, die 2008 als Neuzugänge in der
Erwerbsminderungsrente registriert wurden und verglichen sie mit denen der
übrigen Versicherten.
Kernergebnis der Datenanalyse: Vor allem die
Qualifikation, aber auch Geschlecht und Wohnort beeinflussen die
Wahrscheinlichkeit, aus Gesundheitsgründen nicht bis zum regulären Rentenalter
arbeiten zu können. Haupt- oder Realschulabschluss, keine Berufsausbildung,
männlich, wohnhaft in Ostdeutschland – Beschäftigte mit diesem Profil tragen das
höchste Risiko, arbeitsunfähig zu werden. Es liegt gut zehnmal so hoch wie bei
männlichen Akademikern, die in den alten Bundesländern
leben.
Qualifikation. Je höher die Bildung, desto geringer das Risiko
einer Erwerbsminderung – die Qualifikation erweist sich in der Feinanalyse der
Forscher als wichtigster Einflussfaktor. Das gilt in allen Altersgruppen,
besonders weit öffnet sich die Bildungs-Schere aber bei den Älteren. Unter
Frauen und Männern mit (Fach-)Hochschulabschluss gehen auch mit Ende 50
lediglich rund 5 von 1.000 Versicherten in die Erwerbsminderungsrente. Dagegen
sind es bei niedrig qualifizierten Männern fast 25, bei niedrig qualifizierten
Frauen 19. Beschäftigte mit mittlerer Qualifikation, das heißt mit
abgeschlossener Berufsausbildung, liegen dazwischen. Hier verzeichnet die
Statistik bei Männern rund 15 Zugänge, bei Frauen 13.
Die Forscher haben
auch die Risikoverteilung bei drei Krankheitsbildern berechnet, die sehr häufig
zu Erwerbsminderungen führen. Besonders hoch fallen die
qualifikationsspezifischen Unterschiede bei Muskel-Skelett-Erkrankungen aus.
Hier tragen Männer mit niedrigem Qualifikationsniveau ein 14-fach höheres Risiko
als Akademiker. Unter Frauen liegt der Faktor je nach Qualifikation maximal beim
Achtfachen. Auch bei Erkrankungen von Herz und Kreislauf ist die Differenz
erheblich. Spürbar kleiner fällt der Unterschied dagegen bei psychischen Leiden
aus, die insgesamt immer häufiger zu Erwerbsminderungen führen. Die
Wissenschaftler erklären das so: Während vor allem Beschäftigte mit einfacher
Qualifikation schwere körperliche Arbeiten leisten müssen und dadurch Schäden
davontragen, könnten „durch Arbeitsverdichtung und Stress verursachte psychische
Erkrankungen“ wohl „bei Beschäftigten aller Qualifikationsniveaus
vorkommen.“
Männer und Frauen. Insgesamt sind Erwerbsminderungen unter
Männern deutlich weiter verbreitet als unter Frauen. Und: Unter niedrig
qualifizierten Beschäftigten ist die Differenz zwischen den Geschlechtern größer
als bei Arbeitnehmern mit hohem Bildungsabschluss. Das ist für die Forscher ein
weiteres Indiz dafür, wie sich körperliche Belastungen in eher von Männern
ausgeübten Arbeiterberufen auf die Gesundheit auswirken. Zusätzlich ließen sich
aber auch Befunde aus der Epidemiologie heranziehen: Frauen ignorieren
beispielsweise seltener Gesundheitsbeschwerden. Höher Gebildete vermeiden eher
bestimmte Risikoverhalten, sind etwa seltener Raucher.
In einem wichtigen
Punkt kehrt sich das Verhältnis zwischen den Geschlechtern allerdings um: Frauen
müssen häufiger als Männer wegen einer psychischen Erkrankung ihre
Berufstätigkeit aufgeben. Die Studienautoren halten zwei Faktoren zur Erklärung
für plausibel: Frauen sind häufiger in „emotional belastenden Berufen“ tätig,
etwa in der Pflege. Zum anderen gingen Frauen und Männer unterschiedlich mit
psychischen Problemen um. Letztendlich ließen sich die geschlechtsspezifischen
Unterschiede bei der Erwerbsminderung aber derzeit nicht abschließend
erklären.
Ost und West. Ein ähnliches Muster beobachten die
Wissenschaftler bei den Differenzen zwischen alten und neuen Bundesländern.
Ostdeutsche tragen unter dem Strich ein spürbar erhöhtes Risiko, von einer
Erwerbsminderung betroffen zu sein. Das gilt insbesondere für niedrig
Qualifizierte und mit Blick auf Herz-Kreislauf-Leiden und Erkrankungen des
Skelett- und Muskelsystems. Mit zunehmender Qualifikation gleichen sich die
Werte in Ost und West dann jedoch tendenziell an.
Weitere Informationen finden Sie auf der Homepage der
Hans-Böckler-Stiftung.
Quelle: Hans-Böckler-Stiftung
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