Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung in der Hans-Böckler-Stiftung hat seine aktuelle Konjunkturprognose veröffentlicht. Danach ist die kräftige wirtschaftliche Erholung in Deutschland nach nur gut sechs Monaten Dauer abrupt beendet.
Hans-Böckler-Stiftung, Pressemitteilung
vom 05.10.2011
Nach nur gut sechs Monaten Dauer ist
die kräftige wirtschaftliche Erholung in Deutschland abrupt beendet. Bis Ende
2011 wird die deutsche Wirtschaft lediglich mit deutlich gebremster Dynamik
wachsen. Im kommenden Jahr setzt sich sogar ein stagnativer Trend durch. Das
Bruttoinlandsprodukt (BIP) wird 2012 im Jahresdurchschnitt nur um 0,7 Prozent
zunehmen. 2011 wächst das BIP um 3,2 Prozent, was jedoch wesentlich auf die sehr
gute Entwicklung im ersten Quartal zurückgeht. Zu diesem Ergebnis kommt das
Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der
Hans-Böckler-Stiftung in seiner aktuellen Konjunkturprognose.
„Die
deutsche Wirtschaft ist in einen Abwärtssog geraten“ schreiben die Forscher. Als
Hauptursache nennen sie die Schuldenkrise im Euroraum, die bei wichtigen
Handelspartnern zu massiven öffentlichen Sparprogrammen und zu einer tiefen
Skepsis über die weite wirtschaftliche Entwicklung führte. Darunter leide der
deutsche Export. Weitere Faktoren seien die schwache wirtschaftliche Entwicklung
in den USA und eine leichte konjunkturelle Beruhigung in Asien. Die Entwicklung
am deutschen Arbeitsmarkt ist trotz der starken konjunkturellen Eintrübung
vorerst positiv, die Arbeitslosigkeit wird auch 2012 im Jahresdurchschnitt
leicht sinken. Das Prognose-Update wird als IMK Report 65
veröffentlicht.
Gegenüber ihrer Prognose vom Juni setzen die Forscher die
Vorhersage für 2011 um 0,8 Prozentpunkte herunter. Für 2012 senkt das IMK die
Prognose sogar um 1,6 Prozentpunkte.
„Die gute Nachricht unserer Prognose
ist: In dem aus unserer Sicht wahrscheinlichsten Szenario wird die Wirtschaft
weder in Deutschland noch im Euroraum 2011 oder 2012 in eine Rezession
abgleiten. Die schlechte Nachricht: Wir sind nicht weit davon entfernt“, sagt
Prof. Dr. Gustav A. Horn, der wissenschaftliche Direktor des IMK. „Im kommenden
Jahr werden wir eine wirtschaftliche Stagnation erleben. Die Konjunktur fällt
abrupt vom Galopp in den Krebsgang. Zum zweiten Mal innerhalb von nicht einmal
vier Jahren stellen die Finanzmärkte der Konjunktur ein Bein.“
Das IMK
geht in seiner Prognose davon aus, dass sich die Staatsschuldenkrise im Euroraum
bis Ende 2012 nicht dramatisch zuspitzen wird. Allerdings schließen die Ökonomen
eine Eskalation auch nicht aus. Schließlich sei der „Prozess der
Rettungsmaßnahmen sowohl politisch als auch ökonomisch fragil“. Sollte es
beispielsweise in Griechenland zu einem Schuldenschnitt kommen, drohe eine neue
Finanzmarktkrise und dem gesamten Euroraum eine tiefe Rezession.
Die
Wissenschaftler halten es daher für richtig, dass die Europäische Zentralbank
(EZB) Staatsanleihen von Euro-Krisenländern auf den Sekundärmärkten kauft. Die
Strategie, auf diese Weise den Spekulationsdruck auf den Anleihemärkten zu
reduzieren, könne allerdings nur Erfolg haben, wenn die Euroländer glaubhaft für
die Schulden der Krisenländer garantierten. Überlegungen, Staaten im Euroraum
bankrottgehen zu lassen und nur das Finanzsystem gegen die Folgen abzuschirmen,
brächten unkalkulierbare Risiken für den gesamten Währungsraum mit sich, warnt
das IMK: „Statt nach einem Zusammenbruch die Banken zu retten, sollte alles
getan werden, um einen Zusammenbruch zu verhindern, da dies letztlich erheblich
weniger Kosten verursachen wird.“
Das IMK rechnet damit, dass die EZB
Anfang kommenden Jahres „angesichts der sich abschwächenden wirtschaftlichen
Entwicklung und der nachlassenden Teuerungsrate ihre verfrühten Zinsschritte
zurücknehmen und den Leitzins wieder auf 1 Prozent senken“ wird. Der deutschen
Finanzpolitik empfehlen die Forscher, sich darauf vorzubereiten, auf einen
expansiven Kurs umzuschwenken, falls sich die wirtschaftliche Lage weiter
verschlechtert. Dazu sollten die im Rahmen der Schuldenbremse vorhandenen
Spielräume offensiv genutzt werden, so das IMK. „Die Urheber und Befürworter der
Schuldenbremse stehen nun in der Verantwortung zu beweisen, dass die
Schuldenbremse, wie von ihnen immer behauptet, tatsächlich genug Spielraum zur
Bekämpfung wirtschaftlicher Schwächephasen – und ggf. von Notsituationen –
beinhaltet“, schreiben die Wissenschaftler.
Weitere
Informationen finden Sie auf der Homepage der Hans-Böckler-Stiftung.
Quelle: Hans-Böckler-Stiftung
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